Böse ehrlich? Ich sage dir das als Versicherungsmakler der theoretisch daran verdienen würde, Riester-Verträge zu verkaufen: Riester ist für die übergroße Mehrheit der Menschen das falsche Altersvorsorge-Produkt.
Das sage nicht nur ich. Das sagen die Verbraucherzentralen, die Stiftung Warentest und jeder unabhängige Finanzwissenschaftler der sich mit dem Thema ernsthaft beschäftigt hat.
Was Riester verspricht und was es hält
Riester klingt gut: staatliche Zulagen, Steuervorteile, sichere Altersrente. Für viele Menschen war das in den 2000er Jahren, als Riester eingeführt wurde, ein überzeugendes Argument. Das Problem: Die Praxis sieht anders aus.
Grundzulage: 175 Euro pro Jahr. Kinderzulagen: 300 Euro pro Kind (für nach 2008 geborene). Das klingt nach echtem Geld. Aber: Um die volle Zulage zu erhalten, muss ein bestimmter Mindestbeitrag eingezahlt werden (4 % des Vorjahreseinkommens minus Zulage). Wer weniger verdient, bekommt proportional weniger.
Das Versprechen
Staatliche Förderung + Steuervorteile = sichere Altersvorsorge. Klingt gut. Funktioniert in der Theorie. In der Praxis entscheiden die Kosten darüber ob das stimmt.
Das Kostenproblem: Warum die Zulage oft aufgefressen wird
Hier wird es Böse unangenehm. Riester-Versicherungsprodukte haben oft Abschluss- und Vertriebskosten die in den ersten Jahren 20 bis 30 % der eingezahlten Beiträge ausmachen. Dazu kommen laufende Verwaltungskosten von 1 bis 2 % pro Jahr.
Rechenbeispiel: Du zahlst 2.400 Euro im Jahr ein, erhältst 175 Euro Grundzulage. Wenn die Kosten 600 Euro pro Jahr betragen, hast du netto weniger als ohne staatliche Förderung in einem günstigeren Produkt.
Die Stiftung Warentest hat in mehreren Tests gezeigt: Selbst "gute" Riester-Verträge erreichen oft nicht einmal die Rendite einfacher Staatsanleihen. Und schlechte Verträge vernichten Vermögen.
Was der Verbraucherschutz sagt
Die Verbraucherzentralen sind seit Jahren kritisch: "Viele Riester-Verträge sind zu teuer, zu unflexibel und bieten zu wenig Transparenz. Wir empfehlen, Angebote sehr sorgfältig zu prüfen." Das sind keine Ausnahmen. Das ist der Regelfall.
Die Stiftung Warentest formuliert es so: Riester kann sich lohnen, aber nur unter bestimmten Bedingungen und mit dem richtigen Produkt. Das Wort "kann" trägt viel Gewicht.
Was oft fehlt: die wenigsten Menschen die einen Riester-Vertrag abgeschlossen haben, wissen was er tatsächlich kostet und welche Rendite er erzielen muss um sich zu rechnen. Denn die Kosten-Transparenz ist bei vielen Produkten bewusst intransparent gehalten.
Für wen Riester ausnahmsweise sinnvoll sein kann
Es gibt eine kleine Gruppe für die Riester tatsächlich funktioniert:
Eltern mit vielen Kindern: Wer drei oder mehr Kinder hat (nach 2008 geboren), erhält 3 × 300 Euro = 900 Euro Kinderzulagen plus 175 Euro Grundzulage = 1.075 Euro pro Jahr. Bei einem niedrigen Eigenbeitrag kann das rechnen.
Geringverdiener: Wer wenig verdient, muss wenig einzahlen um die volle Zulage zu erhalten. Das Verhältnis von Förderung zu Eigenbeitrag ist dann günstiger.
Beamte: Beamte haben keine gesetzliche Rentenversicherung und profitieren durch Riester stärker als Angestellte.
Das sind schätzungsweise 5 % aller Menschen die sich für Riester interessieren. Der Rest zahlt in der Regel mehr drauf als er herausholt.
Die besseren Alternativen
Für Angestellte: Ein ETF-Sparplan über einen günstigen Broker. Niedrige Kosten (0,2 bis 0,5 % pro Jahr), historisch gute Renditen, flexibel, verständlich. Plus: Betriebliche Altersvorsorge (bAV) nutzen wenn der Arbeitgeber etwas zuschießt, denn das ist faktisch eine sofortige Rendite.
Für Selbstständige: Rürup-Rente (Basis-Rente) ist steuerlich deutlich attraktiver als Riester und speziell für Selbstständige konzipiert. Beiträge bis zu 27.566 Euro (2026, Einzelperson) steuerlich absetzbar.
Für alle mit ausreichend Einkommen: Kapitalanlage-Immobilie als Sachwert. Steuervorteil durch AfA, nach 10 Jahren steuerfreier Verkauf, Mieteinnahmen als Gegenfinanzierung. Langfristig oft leistungsfähiger als jede kapitalbildende Versicherung.
Böse Ehrlich
Wenn du schon einen Riester-Vertrag hast: Nicht sofort kündigen. Prüfen lassen. Manchmal ist Weiterführen besser als Kündigen (wegen Rückforderung der Zulagen). Aber abschließen würde ich heute keinen mehr für die meisten Menschen.